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Markt Giebelstadt

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Ortsgeschichte


Vor- und Frühgeschichte Giebelstadts und seiner Ortsteile
Anmerkungen zu den archäologischen Zeugnissen und der durchgehenden Besiedlung seit 5000 v. Chr.

Keine Ortschaft im Ochsenfurter Gau weist wohl frühgeschichtliche Bodenfunde in so großer Zahl auf, wie sie in den Gemarkungen der Marktgemeinde Giebelstadt und ihrer sechs Ortsteile seit dem 19. Jahrhundert gefunden, ausgegraben und wissenschaftlich ausgewertet wurden. Mehr als 60 Fundstellen sind auf der Gemarkung der Marktgemeinde registriert. Diese große Funddichte mit teilweise sensationellen prähistorischen Funden im Zentrum der fruchtbaren Siedlungslandschaft des "Ochsenfurter Gaus" rund um Giebelstadt, beiderseits der Wasserscheide zwischen Main und Tauber, belegt überzeugend, daß in unserer näheren Heimat seit der Steinzeit, über einen Zeitraum von etwa 5000 Jahren, durchgehend Menschen siedelten.
Mehrere dieser Zeugnisse unserer Vorfahren aus Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit (Hallstattzeit und Laténezeit), aus der Antike(Römische Kaiserzeit) und aus dem Mittelalter, die sich bis heute erhalten haben, sind sensationelle Funde, die in der archäologischen Wissen-schaft mit großem Interesse aufgenommen wurden.


Sensationsfunde aus der Mittel- und Jungsteinzeit (8000 -2000 v. Chr.)
Zeugnisse der Überlagerung von Glockenbecherzeit und Schnurkeramikerkultur


Aus der Mittelsteinzeit (8000 bis 4000 v. Chr.) wurden erst vor wenigen Jahren am Westrand von Giebelstadt und im Ackerland westlich von Sulzdorf gut erhaltene Waffen und Werkzeuge der linearbandkeramischen Kultur gefunden. In dieser Zeit kannten die Men-schen bereits die Töpferscheibe und stellten Keramikgefäße her, die sie durch Abdrücken mit Schnüren und Bändern (Linearbandkeramik) verzierten.
Einen Sensationsfund aus dieser Zeit stellt der "Sulzi" dar, dessen Grab aus der Jungsteinzeit (5000 - 2000 v. Chr.) 1996 in Sulzdorf bei Kanalarbeiten zur Erschließung eines Neubaugebietes gefunden und von Wissenschaftlern als interessante Seltenheit gewertet wurde. Schädeltyp, Grabausrichtung, Lagerung des Toten und die Keramikteile wiesen den Fund der Zeit zwischen 5000 - 4500 v. Chr. zu, also der Übergangszeit von der Glockenbecherzeit (nach der Glockenform ihrer Keramik) zur Schnurkeramikerkultur. Ein solcher, beide Kulturen überlagernder Fund war den Forschern bisher nicht gelungen. Von der Grabausstattung sind eine verzierte Knochennadel und eine Armschutzplatte aus geschliffenem Stein besonders wertvoll.

Letztere wurde am Handgelenk oder am Daumen des Bogenschützen befestigt und schützte ihn vor Verletzungen durch die zurückschnellende Bogensehne. Bogen mit Feuersteinpfeilspitzen, Feuerstein und Kupferdolche gehören zur Bewaffnung der Glocken-becherleute. Das sensationelle Fundmaterial kann heute im Gemeindearchiv Giebelstadt besichtigt werden.


Sensationsfunde der Bronzezeit (2000 - 800 v. Chr.)
Zeugnisse der Urnenfelder- und Hügelgräberkultur


Einen anderen, Aufsehen erregenden Fund aus der Bronzezeit (2000 - 800 v.Chr.) verdanken wir der Aufmerksamkeit eines Eßfelder Landwirts, der 1998 bei der Feldarbeit ortsfremde, große Steine herauspflügte, die zu einem Steinkammergrab der frühen Urnenfelderzeit (1200 - 800) gehörten.In der frühen Urnenfelderzeit wurden die Toten verbrannt und ihre Asche in einer Grabkammer beigesetzt, deren Boden und Wände mit Steinen belegt waren und die nach oben durch über Holzbohlen gelegte, große Decksteine geschlossen wurde (Steinkammergrab). Zwar waren auf der Eßfelder Flur schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrfach Gräber aus der Urnenfelderzeit gefunden worden, aber keines barg so zahlreiche, vielfältige und wertvolle Grabbeigaben, wie sie diesem Ehepaar mit ins Grab gegeben worden waren. Es ist ein großer Glücksfall, daß neben einem reichen Geschirrsatz Finger-, Hals- und Armringe (Golddrahtringe), Nadeln, Teile einer Spiralbügelfibel, zwei Griffangelmessser und ein Bronzeschwert in so gutem Zustand ohne Grabräubern des Mittelalters oder der Neuzeit in die Hände zu fallen (!) - sich bis in unsere Zeit erhalten haben. Das Ehepaar gehörte sicher zur "Herrenschicht", die inmitten des bekannten frühurnenfelderzeitlichen Siedlungsgebietes in der Gemarkung Eßfeld, Giebelstadt und Acholshausen lebte, wo ebenfalls in einem Grab der Oberschicht ein bronzener Kesselwagen gefunden wurde, der europaweit für Aufsehen sorgte und heute im Mainfränkischen Museum besichtigt werden kann.
In diesem Siedlungszusammenhang sind auch die Zeugnisse der bronzezeitlichen Hügelgräber-Kultur, das Grabhügelfeld mit 106 Grabhügeln auf der Flur Giebelstadts, das bei den Bauarbeiten für den Giebelstadter Flugplatz 1934 entdeckt wurde, und das ausgedehnte Hügelgräberfeld auf der Herchsheimer Flur nördlich der Ortschaft zu sehen.
Erst im Mai 2000 waren auf einem Bauplatz westlich der Eßfelder Kirche im Rahmen einer Rettungsgrabung des Bayer. Landesamtes für Denkmalpflege (Abteilung Bodendenkmäler) Fragmente urnenfelderzeitlicher Tierplastiken entdeckt worden, die zusammen mit drei weiteren Funden eindeutig belegen, daß Kleinplastiken im Maindreieck bereits zur Urnenfelderzeit (!) hergestellt wurden.
Diese Funde beweisen überzeugend, daß in der Bronzezeit auf der Gemarkung der Marktgemeinde Giebelstadt eine Bevölkerung mit gegliederter Sozialstruktur lebte, eine Gesellschaft mit einer Oberschicht, mit Bauern, Gewerbetreibenden und Handwerkern, die - wie der Schmuck als Grabbeigabe und die Kleinplastiken zeigen - in der Lage waren, beachtliche Kunstwerke zu fertigen.
Spuren einer durchgehenden Siedlungsstätte von der Steinzeit bis in die Mitte der Eisenzeit wurden bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Nestor der unterfränkischen Kirchengeschichte, dem Eßfelder Pfarrer Dr. August Amrhein, in Zusammenarbeit mit Professor Georg Hock, dem Leiter des Landesamtes für Bodendenkmäler in Würzburg, westlich der Eßfelder Kirche entdeckt. Die Siedlungsstätte wurde im Juli/August 2002 vor der Überbauung in einer Notgrabung geborgen und untersucht. Schon in einer Tiefe von ca. 50 cm konnten dunkle Bodenverfärbungen festgestellt und als Pfostenstände von Wohngebäuden und rundo-valen Vorratsgruben, die wohl als Keller zur Aufbewahrung von Nahrungsmittel genutzt wurden, und als rechteckige Grabanlagen identifiziert werden. Entdeckt wurden u.a. vier Gräber innerhalb des Segments eines Kreisgrabens, der wohl eine größere Grabhügelanlage umschloß, und wenige Meter davon entfernt das Grab eines ca. 10 Jahre alten Kindes. Aufgrund der Keramikfunde und einer Fibel konnten sie eindeutig dem Übergang von der späten Urnenfelderzeit (1200 - 800 v. Chr.) zur frühen Hallstattzeit (800 - 450 v. Chr.), also dem Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit (ab 800 v. Chr.) zugeordnet werden. Diese Funde legen nahe, daß die Fundstelle Teil einer großen, der Urnenfelder-Kultur, der Hügelgräber-Kultur und auch der Hallstatt-Kultur zuzuordnenden Siedlung war, und bestätigen damit die Erkenntnisse Dr. Amrheins von einer durchgehenden Besiedlung Eßfelds zu dieser Zeit in beeindruckender Weise.

Funde der Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit
Dichte Besiedlung durch keltische Bevölkerungsgruppen


Besiedlungsspuren der Eisenzeit (ab 800 v.Chr.), der Hallstatt-Kultur (800 - 450 v. Chr.) und der Laténe-Kultur (ab 450 v. Chr.) wurden in auffallend großer Zahl (an mehr als zehn Stellen) und in großer Ausdehnung auf der Gemarkung der Marktgemeinde Giebelstadt selbst und in den Fluren aller Ortsteile entdeckt. Diese mehr als 10 Siedlungstätten unterstreichen, daß unser heutiges Gemeindegebiet schon vor der Einwanderung germanischer Stammesverbände (ca. 100 v. Chr.) wohl durch keltische Bevölkerungsgruppen dicht besiedelt war. Ein bedeutender Fund auf der Flur Euerhausens stammt aus der römischen Kaiserzeit (Zeit des Kaiser Augustus bis 250 n.Chr.), als wohl überwiegend Alemannen in unserm Gebiet siedelten. Er belegt im Zusammenhang mit den römerzeitlichen Funden in Marktbreit und Gaukönigsho-fen, daß die Römer auf unsern Raum, der ostwärts des Limes, des römischen Verteidigungswalles gegen die Germanen, lag, einen größeren Einfluß ausübten, als dies der Geschichtswissenschaft bisher bekannt war.

Giebelstadt in fränkischer Zeit
Sensationeller merowingerzeitlicher Bodenfund

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Völlig unerwartet von der Fachwelt entdeckten Archäologen im August 2002 bei einer Notgrabung auf einem Grundstück westlich der Eßfelder Kirche ein merowingerzeitliches Gräberfeld. Die Merowinger sind ein nach dem ersten bekannten fränkischen König Merowech benanntes Herrschergeschlecht, das von 500 bis 750 n. Chr. den Stamm der Franken einte, die germanischen Stämme der Alemannen und Thüringer unterwarf und ein mächtiges Reich schuf, das sich weit nach Osten auch ins heutige Sachsen und Niederbayern hinein erstreckte. Allein auf der Grundfläche des geplanten Wohnhauses mit Garage wurden zehn (!) Gräber ohne Grabbeigaben, in denen die Toten auf dem Rücken liegend mit dem Blick nach Osten, zur aufgehenden Sonne (geostet), bestattet waren, und ein Reiterkriegergrab mit einigen sehr gut erhaltenen Grabbeigaben freigelegt. Das Fundbild insgesamt, insbesondere aber die Grabbeigaben lassen eine sichere Datierung der Gräberanlage auf die Zeit um etwa 700 n. Chr. zu. Im Reiterkriegergrab war der Schädel stark zerdrückt und die Kochen wohl aufgrund der oberflächennahen Lagerung zerfallen. Von den Grabbeigaben in der Grabmitte haben sich die eisernen Teile, eine Gürtelschnalle, eine Riemenzunge, Beschläge und eine Glasperle erhalten. Im Fußbereich fanden sich zwei Sporen, zwei Schnallengarnituren, ein Riemendurch-zug und eine Riemenzunge. Der Tote war in einem Holzsarg oder auf einem Totenbrett bestattet worden.
Der Fund dieses merowingischen Gräberfeldes und insbesondere das unversehrte Grab des fränkischen Reiterkriegers bedeuten eine Sensation und führen zu neuen Erkenntnissen der Eßfelder Geschichte. Nun ist belegt, daß auch das Dorf Eßfeld bereits zur Merowingerzeit existierte und im 7. Jahrhundert nach Christus nachweislich bewohnt war.
Das Grab des Reiterkriegers selbst weist auf einen herausgehobenen sozialen Rang des Bestatteten hin. Die fränkischen Heere waren zur Merowingerzeit üblicherweise Heere zu Fuß kämpfender, freier Krieger. Karl Martell, der in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts als fränkischer Hausmeier der eigentliche Herrscher im Frankenreich war, verdankt seinen Abwehrerfolg gegen die von Spanien aus ins Frankenreich eindringenden Araber in der Schlacht von Tours und Poitiers (732 n. Chr.) noch dem fränkischen Fußheer. Erst in der Karolingerzeit (ab 750 n. Chr.) bildet dann aber das Reiterheer den Kern des fränkischen Heeres. Der Einsatz von Reiterkriegern setzt die Beherrschung von Pferd und Waffe durch Ausbildung und Übung voraus und nicht jeder freie Franke konnte sich dies aus wirtschaftlichen und Zeitgründen leisten. Die Veränderung der Kampfgewohnheiten mündete in eine grundlegende Änderung der Sozialstruktur der fränkischen Gesellschaft und zur Herausbildung eines eigenen Standes, der im Mittelalter zum "Rittertum" wurde. Das Reitergrab in Eßfeld zeigt uns wohl das Anfangsstadium dieser Entwicklung. Eßfeld war also in der Merowingerzeit nicht nur bewohnt, sondern weist eine deutliche Sozialstruktur auf.
Der sensationelle Fund in Eßfeld ergänzt aber auch die bisherigen Erkenntnisse zur Geschichte der Marktgemeinde Giebelstadt und seiner Ortsteile in der Merowingerzeit. Bereits in den 50iger Jahren war im Ostteil des Dorfes Giebelstadt eine merowingische Reihengrä-beranlage entdeckt worden. Ihre Entstehung wird in der Fachliteratur auf die Zeit um etwa 600 n. Chr. datiert. Sie besteht ebenfalls aus geosteten Gräbern ohne Grabbeigaben. Geostete Gräber und das Fehlen von Grabbeigaben wird meist als Beweis dafür herangezogen, daß die Bewohner zu dieser Zeit bereits christlich waren. Aus dem abrupten Ende der Gräberanlage gegen 700 n. Chr. - wie in ganz Ostfranken allgemein üblich - ist zu schließen, daß die Toten der Siedlungen um 700 n. Chr. auf dem Friedhof um die Dorfkirche, wohl einer einfachen Holzkirche im Besitz des Ortsadeligen, beerdigt wurden.
Die archäologischen Forschungsergebnisse stimmen auch mit den Erkenntnissen der Kirchen-geschichtswissenschaft überein. Durch die Missionsarbeit irisch-schottischer Wandermönche (ab 550 n. Chr.) waren am Ende des 6. Jahrhunderts fränkischer Adel und Bauernsiedler zum Christentum bekehrt, wenn auch in einer rohen, mit heidnischen Kultgewohnheiten ver-mischten Form (Synkretismus). Die fränkische Kirche war wohl den heidnischen Grabsitten gegenüber zunächst tolerant oder konnte sich nicht so schnell gegen die vorchristlichen Gebräuche durchsetzen. Das Gesetzbuch der Salischen Franken stellte wohl nicht ohne Grund im 7. Jahrhundert den Grabraub unter Strafe. Um die Wende zum 8. Jahrhundert hatte sich je-doch die "christliche" Bestattung ohne Grabbeigaben weithin durchgesetzt.
Diesen Sachverhalt unterstreicht auch der Grabungsbefund der merowingischen Reihengrä-beranlage westlich der Kirche von Allersheim, die in der Fachliteratur ebenfalls auf die Zeit um etwa um 600 n. Chr. datiert wird, u.a. auch weil in der dortigen Grabanlage ein Sax, ein germanisches Kurzschwert, als Grabbeigabe gefunden worden war.
Die Entdeckung der drei merowingerzeitlichen Reihengräberanlagen belegt, daß die Dörfer Allersheim, Eßfeld und Giebelstadt bereits zur Merowingerzeit existierten und es dort gegen 700 auch Friedhöfe um die ersten Holzkirchen gab, auch wenn der erste urkundliche Nach-weis dafür erst für die Karolingerzeit (ab 750 n. Chr.) vorliegt. In die späte Merowingerzeit oder in die Karolingerzeit (750 bis Ende des 9. Jahrhunderts), als das Reiterheer den Kern des fränkischen Heeres stellte und schon schriftliche Quellen die Existenz der Dörfer Herchsheim (ca. 750), Giebelstadt und Eßfeld (820 n.Chr.) belegen, fällt der beachtenswerte Fund einer Flügellanzenspitze im Jahr 1994 in der Gemarkung von Suldorf. Eiserne Flügellanzen gehörten zwar bis ins hohe Mittelalter hinein zur Standardausrüstung der schwerbewaffneten Reiterkrieger. Das außerordentlich gut erhaltene Sulzdorfer Fundstück weist seinen Besitzer als Reiterkrieger und wegen der sehr schönen, zeittypischen Verzierungen an Tülle und Flügeln als Angehörigen einer gehobenen, sozialen Schicht der Karolingerzeit aus.
Mit der Karoligerzeit im 8. und 9. Jahrhundert beginnt die schriftliche Überlieferung mit urkundlichen Belegen, die eine differenzierte Betrachtung der Geschichte jedes Ortsteils für sich getrennt ermöglichen und daher auch erforderlich machen.


Peter Wamsler M.A.
Archiv- und Heimatpfleger in
Giebelstadt von 2000 - 2011


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